Sich mit IT-affinen Menschen zu unterhalten kann mitunter weh tun. So ist es eine Qual, die Kommentare bei heise online zu lesen, wenn ein Artikel die Felder Microsoft, Open Source, Apple, Android oder IT-Sicherheit thematisiert.

Doch warum ist das eigentlich so?

Die Behauptung

Ich behaupte: Die ideologische Herkunft des Einzelnen spielt eine Maßgebliche Rolle. Natürlich tut sie das. Aber was genau meine ich damit?

Das Selbstbild der meisten Menschen wird definiert durch das, was sie erreicht haben und was sie, ihrer Perspektive nach, auszeichnet. Ein missverstandener Maler, der Zeit seines Lebens Ablehnung erfährt, wird sicherlich dann zu einem ungemütlichen Zeitgenossen, wenn er seine Malerei selbst für genial hält. Würde er die Malerei selbst als Hobby betrachten, so wäre der Umgang mit Kritik, die ja an seinem Selbstbild nagt, nachsichtiger umgehen.

Die IT-Sozialisierung

Ähnlich verhält es sich in der IT: Wir werden alle, ob in Ausbildung, Studium oder autodidaktischem Anlernen, mit Anschauungen anderer konfrontiert, die wir entweder ablehnen oder übernehmen. Zum Zeitpunkt des Wissenserwerbs sind wir nicht in der Lage, das Große und Ganze in Frage zu stellen. Kritisches Denken erfordert Wissen.

So nehmen wir die Überzeugungen der Wissenden, von denen wir unser Wissen erwerben, wohl allzu gerne auf und entwickeln damit unsere Werte. Ein Auszubildender aus einem Linux-Systemhaus erfährt, wie Open Source funktioniert, wird eher überzeugt, dass der Gedanke freier Quellen, freien Wissens der Menschheit einen kaum zu beschreibenden Mehrwert bieten wird. Er übernimmt Argumentationsstil und -inhalte zu Fragen wie der Sicherheit von Software, deren Quellen offen zugänglich sind.

Daraus ergibt sich aber auch ein Feindbild - eine Perspektive, die nich so recht in das Gelernte passen will. Der Feind gibt dem Tag Struktur und trägt - unter anderem - den Namen Microsoft.

Microsoft ist das Unternehmen, welches Open Source kaputt machen möchte. Microsoft-Produkte sind per Definition unsicher, weil der Quelltext nicht jedermann zugänglich ist und somit Sicherheitslücken von Microsoft immer nur dann gepatched werden, wenn sie einmal wieder als Ursache für Viren-Wellen durch die Medien gehen.

Diese Perspektive wird nicht bewusst als einseitig wahrgenommen und weist pseudoreligiöse Züge auf - allerdings zeigt es auch die Angst vor Neuem, die Angst mit dem selbst erlernten vielleicht falsch zu liegen.

Denn was würde geschehen, wenn man selbst nun mit dem, was man kann oder besitzt, nicht zukunftstauglich ist?

Was wäre, wenn Microsoft-Produkte nicht vielleicht doch eine Existenzberechtigung haben? Was wäre, wenn Microsoft-Produkte nicht vielleicht doch einige Dinge besser erledigen als Lösungen mit offenen Quelltexten?

Dieser Gedanke macht jenen, die selbst Defizite im Bereich des vermeindlich Bösen haben - sei es mangelndes Wissen oder mangelnder Besitz - Angst.

Natürlich lässt sich dieses Beispiel beliebig verdrehen und auf andere Themen, die gerne zu hitzigen Diskussionen führen, übertragen: Ein Systeminformatiker für Systemintegration, der ausschließlich die Windows-Welt kennt, mag sich denken, dass Linux ein Hobby-Projekt ist, welches für den professionellen Einsatz ungeeignet ist. Überhaupt: Wenn jeder an der Software mitwirken kann, bedeutet dies auch automatisch ein Gefälle in der Qualität. Auch könnten Sicherheitslücken absichtlich eingeschleust und lange Zeit unerkannt bleiben.

Das Eingestehen der eigenen Unkenntnis und Angst vor der eigenen Obsoleszenz bedarf einer gedanklichen Offenheit, die nur wenige bereit sind, zu leisten.

Problemlösungen

Um andere Grabenkämpfe als Beispiele beizubringen: Bisher habe ich an nahezu jedem Arbeitsplatz, den ich ausfüllen durfte, mit Gestaltern zu tun gehabt. Menschen, die das Netz gestalten, indem Sie Webseiten und Software-Lösungen erarbeiteten. Gerade unter den Webdesign-Agenturen (aus meiner Sicht übrigens ein furchtbar unscharfer Begriff) wurde deutlich: Wir beherrschen WordPress. WordPress ist das CMS, welches alle Probleme löst. Jedes Problem lässt sich mit WordPress lösen. Jedes. Jede Diskussion zu diesem Thema wurde mit den immer gleichen Argumenten erstickt:

  • WordPress ist nicht unsicher, das sind nur die Plugins
  • Die Struktur und der Stil des Codes sind nicht furchtbar, sonst würde WordPress ja nicht so häufig eingesetzt werden
  • Es gibt kein Anwendungsszenario, welches nicht mit WordPress zu lösen ist, schließlich gibt es abertausende Plugins

Ich möchte nicht darauf bestehen, dass diese Antworten falsch oder die implizierten Fragen korrekt sind - auffällig war immer, dass die Arbeit mit anderen Lösungen einfach kategorisch abgelehnt wurde, weil man - so die Aussage - ja die Lösung schon kannte.

Wenn Dein einziges Werkzeug ein Hammer ist, wirst Du jedes Problem als Nagel betrachten.

Dass die Ursache für diese Argumentation vielleicht eher darin zu suchen ist, dass viele Webagenturen eben schlicht nur WordPress tatsächlich beherrschen, ist ein Gedanke, den man sich natürlich nicht eingestehen möchte, auch wenn ich diesen Gedanken als weniger wertend empfinde, als er mitunter aufgenommen werden würde.

Nun führt dies allerdings dazu, dass WordPress für Projekte eingesetzt wird, für die es nicht geeignet ist. Auf der anderen Seite sah ich bereits einfache statische Webseiten, die mit Laravel umgesetzt wurden. Natürlich gilt: Nutzt das Werkzeug, das ihr beherrscht - dies bedeutet aber auch, dass das Werkzeug dem Zweck angemessen sein sollte.

Am Ende wird dieser Gedanke in toxischen Diskussionen gar nicht gedacht. Hier geht es um die Rechtfertigung des Ichs. Ich beherrsche die Programmierung unter Laravel, deswegen ist WordPress per se schlecht. Oder auch: Ich besitze ein Android-Mobiltelefon, deswegen kann das, was Apple bietet, keinesfalls meine Entscheidung für Android in Frage stellen. Somit ist das, was Apple anbietet, abzuwerten.

Worüber reden wir?

Natürlich ist auch dies nicht allgemeingültig und selbstverständlich gibt es Personen, die willens und fähig sind, ihre Argumentation zu reflektieren.

Vielleicht ist "Leben und leben lassen" aber doch ein schöner Gedanke in Diskussionen, die ins Vergiftete abzurutschen drohen? Eine Meinung ist selbstverständlich weiter erlaubt und eine Vielzahl von Meinungen ist sicherlich sogar erstrebenswert - doch wenn es am Ende um Glaubensfragen geht hat die sachliche Diskussion keine Chance.

Dies zumindest ist meine Meinung.