Es war schon nicht so leicht, der Autokorrektur das Wort "vercoacht" beizubringen - nun ist es vollbracht und ich freue mich, diesem Thema einen neuen Artikel widmen zu können.

Ich bin nicht perfekt?

Die Generation, welcher ich angehöre, legt vermehrt Wert auf die persönliche Weiterentwicklung. Irgendwo habe ich das einmal gelesen. Irgendwie lesen das viele Unternehmer derzeit und bieten - gleichsam als Lockmittel für junge, dynamische, kreative Mitarbeiter - ein Coaching an.

So wurde auch ich von meinem Arbeitgeber mit der Frage konfrontiert, ob ich es denn nicht einmal mit einem Coaching versuchen möchte.

Mich hat dieser Gedanke getroffen, implizierte diese Frage ja auch, dass ich nicht perfekt sei.

Das ist vielleicht etwas spitz ausgedrückt, aber letztendlich bedeutet es ja, zumindest empfand ich es so, dass mit meinem Verhalten etwas nicht stimmt. Und das musste erst einmal sacken.

Kommt man als Neuling in ein Unternehmen, welches sich vornimmt, Coaching als zentrales Element der Unternehmenskultur zu platzieren, dann ist dieser Gedanke erst einmal naheliegend. Und doch ist er nicht korrekt, schließlich ist wohl kein Mensch perfekt in seiner Arbeit, seiner Organisation oder seinem Verhalten.

Nun ist euch sicherlich klar gewesen, dass "man" selbstverständlich "ich" war. Selbstverständlich war ich getroffen und selbstverständlich hat dies etwas mit Eitelkeit zu tun. Und genau so selbstverständlich bin ich nicht perfekt.

Also öffnete ich mich - mit der mir innewohnenden Vorsicht - dem unternehmensinternen Coaching. Ähnlich wie mir, da bin ich mir sicher, wird es allerdings auch anderen Menschen gehen. Ob nun in dem Unternehmen, in dem ich angestellt bin oder in anderen Unternehmen.

Bei aller folgenden Kritik: Offenheit zur Verbesserung, Offenheit zum Eingeständnis eigener Fehler birgt ein großes Potential. Die Frage ist, wie dieses genutzt wird.

Und was hat das mit mir zu tun?

Nun begab ich mich in ein Coaching, welches im Wesentlichen aus drei Blöcken von zwei bis drei Tagen bestand. Während dieses Coachings wurde vor allem viel geredet.

Die Teilnehmer erzählten, wer sie sind. Und dies tatsächlich mit einer großen Offenheit. So lernte ich meine Gruppe, eine feste Gruppe von ca. 8 Teilnehmern, während der Coachings besser kennen. Kindheitsgeschichten, Erlebnisse, Hoffnungen, Niederlagen - all dies waren Themen der Gespräche. Ein Misstrauen den Teilnehmern gegenüber hatte ich während dieser Zeit nie, schließlich versprach man sich, über all diese Dinge Stillschweigen zu bewahren und letztendlich war jeder durch die Offenheit seiner Schilderungen selbst angreifbar.

Das Erarbeiten von Werten, Glaubenssätzen und Zielen stand im Fokus der nachfolgenden Termine. Diese höchst persönlichen und individuellen Themen standen allesamt unter dem Motto und was hat das mit mir zu tun?.

Die Ansätze waren durchaus interessant, doch beschlich mich ein Gefühl: Ich wurde geformt.

Später fanden sich Regeln zum wertschätzenden Feedback sowie Regeln zum Umgang mit Zielen auf der Agenda. Und stets begleitete mich die Frage: Wer legt denn nun eigentlich das Ziel für das Coaching fest?. Nahezu jede kritische Rückfrage, jedes "aber" wurde mit dem Leitsatz des Coachings beantwortet: Was hat das mit mir zu tun?.

  • Ist ein Ziel an zu viele Bedingungen geknüpft? Dann sind diese Bedingungen konstruiert oder man selbst tut zu wenig, um diese aufzulösen.
  • Entspricht ein Ziel nicht den eigenen Überzeugungen? Dann sind die verinnertlichten Blockaden Schuld.
  • Ist eine Meinung kontrovers? Dann wurde sie nicht in Form eines wertschätzenden Feedbacks formuliert.

Jedes aber, vielleicht, jedes würde, hätte, könnte wurde zielsicher aus dem Sprachgebrauch ausgeschlossen. Das Ziel war deutlich: Der Teilnehmer sollte vollständig eigenverantwortlich handeln lernen. Das Ziel mag sogar den Einzelnen in seiner persönlichen Entwicklung unterstützen - doch lautet die eigentlich Frage doch: Wobei soll unterstützt werden? Ist nicht gerade Individualität etwas Erhaltenswertes?

Eine Welt, in der nur noch auf genormte Weise Feedback erteilt wird, jedes Ziel SMART sein muss, jedes aber als Verhinderungsgrund abgewertet wird? Für mich eine schreckliche Vorstellung.

Auch stellt sich die Frage, wer dieses Ideal des Menschen überhaupt definiert hat. Eine Person, die völlig eigenständig arbeitet, Fehler in erster Linie bei sich sucht, jedes Feedback genormt erteilt - das klingt aus meiner Sicht erst einmal nach dem idealen Mitarbeiter. Der Mitarbeiter wünscht sich ein höheres Gehalt, weil er schlicht unterdurchschnittlich bezahlt wird? Kein Problem, denn er kann ja etwas dafür tun, seinen Gehaltswunsch zu erreichen, indem er neue Ziele für sich definiert und erreicht. Denn die Verantwortlichkeit für den schlechten Zustand liegt beim Mitarbeiter - so wird die Verantwortlichkeit seitens des Arbeitgebers elegant verlagert. Es kommt zu Konfliktsituationen am Arbeitsplatz? Kein Problem, denn die Verantwortlichkeit liegt bei den Mitarbeitern und mit Hilfe des wertschätzenden, genormten Feedbacks liegt die Blaupause für die Lösung eines jeden Konfliktes parat.
Das Unternehmen steckt in wirtschaftlichen Schwierigkeiten? Nun, was hat das mit mir zu tun?

Ich möchte damit nicht aussagen, dass alle diese Ansätze falsch sind - doch stellt sich die Frage, wer denn eigentlich nun das Ziel des Coachings definiert hat. Ein Coaching, welches durch den DGB durchgeführt wird, käme sicherlich zu einem anderen Ergebnis.

Was also ist der ideale Mensch?

Kontrolle?

Ein Merkmal unserer Gesellschaft ist die Verschränkung von Gewalten, sowie die Kontrolle von Machtpositionen. Das gilt nicht nur für die Politik, sondern auch für Positionen, die eine Macht über andere Menschen inne haben.

So gibt es die Möglichkeit, gegen Machtmissbrauch im Amt vorzugehen, sollte ein Mensch durch einen Repräsentanten des Staates, also einen Beamten, benachteiligt worden sein. Ob diese Kontrolle immer effektiv ist, ob es also sinnvoll ist, dass Polizisten gegen Polizisten ermitteln, sei dahingestellt. Unsere Gesellschaft kennt diese Werkzeuge jedoch.

Problematisch wird es in Bereichen, die entweder relativ jung sind und/oder sich den bisherigen Regelungen in einem Graubereich entziehen. Ein Coach, der gezielt die Schicksale der Gecoachten anspricht, der gezielt versucht, Ursachen für Blockaden in vorhandenen oder konstruierten traumatischen Erlebnissen zu ergründen, ist kein Coach - er ist Psychotherapeut. Zumindest arbeitet er als solcher, ohne jedoch die notwendigen Qualifikationen vorweisen zu müssen, ohne sich einer Kontrolle unterwerfen zu müssen.

Sicherlich mag es Coaches geben, die ihre Arbeit deutlich oberflächlicher durchführen und schlicht sinnvolle Techniken zur Selbstorganisation oder zur Konflikt- und Stressbewältigung weiter geben.

Ein Coach ist ein Coach, eine GmbH, UG oder ein Freiberufler. Ein Coach ernennt sich im besten Falle anhand tatsächlich erworbenen Wissens selbst zum Coach und formt Menschen nach seinem Gusto.

Ich gehe davon aus, dass in der Branche nicht nur schwarze Schafe unterwegs sind. Ich für meinen Teil bin bei dieser Berufsgruppe jedoch skeptisch.

Und was geht mich das an?

Spätestens ab dem Moment, ab dem die Antwort auf alle Fragen die Gegenfrage, was dies denn nun mit einem selbst zu tun habe, ist, ist also das eigentliche Thema nicht mehr relevant. Dies soll nicht bedeuten, dass jede Kritik nach außen gehen soll. Das Suchen von Fehlern bei anderen, das Verschieben von Verantwortung, das Aufbauen von Hürden ist etwas, was ich aus einem anderen Arbeitsumfeld bereits kenne. Dort hieß es statt Was hat das mit mir zu tun? stets und was geht mich das an?. Es entsteht ein innovationsfeindliches Klima, der Stillstand wird verwaltet.

Dieses Gegenbeispiel zeigt, dass der optimale Zustand irgendwo zwischen beiden Extremen liegen muss.

Ich freue mich, mit Menschen zu interagieren, die authentisch sind, deren Antworten nicht auswendig gelernte, antrainierte Verhaltensmuster sind. Ich freue mich, Fehler zu machen und Menschen mit Eigenheiten zu begegnen. Was das allerdings mit mir zu tun hat, das muss ich noch heraus finden.